Nicole Hänel: Auch Unternehmerinnen müssen mal auf den Tisch hauen.

Nicole Hänel
Foto: Miriam Knickriem

Interview mit Nicole Hänel, Geschäftsführerin und Inhaberin von Carlsfactory, ninepoint consulting und WOOLIES

Die Politikwissenschaftlerin Nicole Hänel sammelte zunächst Erfahrungen u.a. als Redakteurin und Managerin innerhalb eines globalen Konzerns. Als Auslandskorrespondentin der „Herald Tribune“ im Libanon führte sie Interviews für die Serie „Arabische Business-Frauen“. Die Gespräche inspirierten sie dazu, als Unternehmerin ihre eigenen Ideen umzusetzen.
Innerhalb der ninepoint consulting hat sich Nicole Hänel auf zwei Geschäftsbereiche fokussiert. Heute ist ihr Unternehmen Marktführer für Cashback- sowie E-Fulfillment-Dienstleistungen. Zu den Kunden der ninepoint consulting gehören vor allem internationale Konzerne aus der Unterhaltungselektronik.
Ihr Modelabel „Woolies“ bietet mit der Modelinie „WOOLBOND“ in Deutschland hergestellte hochwertige Woll-Mode für Frauen und Männer. Als frauengeführtes Unternehmen hat sich Nicole Hänel von WEConnect zertifizieren lassen und ist in das Mentoringprogramm „Entrepreneurial Winning Woman“ von Ernst & Young aufgenommen worden.

Als Unternehmerin stellen Sie sehr deutlich heraus, dass Sie als Frau in einer Männerdomäne tätig sind. Wodurch unterscheiden sich die Herausforderungen von Gründerinnen und Gründern?

Es ist grundsätzlich eine große Herausforderung zu gründen. Da ist es erstmal egal, ob man männlich oder weiblich ist und ob die eigene Geschäftsidee in einer Männer- oder Frauendomäne angesiedelt ist.
Die geschlechtsspezifische Herausforderung kann dann darin bestehen, dass generell gesprochen Frauen und Männer meist unterschiedliche (Führungs-)Qualitäten mitbringen. Frauen neigen eher zu Vorsicht, was zwar den positiven Aspekt mit sich bringt, dass sie nichts unüberlegt überstürzen. Aber zum Gründen braucht man eine gewisse Risikobereitschaft, vor allem, wenn man ein sicheres Angestelltenverhältnis dafür hinter sich lässt. Außerdem muss ein Gründer oder eine Gründerin ja nicht nur sich selbst, sondern auch Mitstreiter, Finanzpartner, potentielle Mitarbeiter und Kunden von ihrem/seinem Produkt überzeugen. Dafür muss man nicht nur überzeugt, sondern auch überzeugend sein und ein großes Ego mitbringen.
Ist die Gründungsphase aber überstanden, vereinfachen Attribute wie Umsicht, vorausschauendes Verhalten und Kompromissbereitschaft allerdings den Alltag wieder.

Margaret Heffernan, Unternehmerin und Autorin von Beyond Measure: The Big Impact of Small Changes rät weiblichen Führungskräften: „Definieren Sie Ihre eigenen Spielregeln.“ Statt das Alpha-Verhalten erfolgreicher Männer zu kopieren, sollten Frauen z. B. durch die „richtigen“ Fragen Projekte vorantreiben. Welche Spielregeln empfehlen Sie Gründerinnen?

Ich habe viele Alphamänner und -frauen kennengelernt und ebenso viele männliche wie weibliche Führungskräfte, die mit Kompromissbereitschaft und Beziehungen auf Augenhöhe ebenso weit gekommen sind. Was aber natürlich stimmt, ist die Tatsache, dass Frauen anerzogen wird, sich zurückzuhalten und sich nicht unter allen Umständen durchzuboxen. „Brav“ sein und sich anpassen waren Attribute, die gefördert wurden. Zum Glück ändert sich das. Diese anerzogenen Verhaltensweisen lassen sich natürlich auch im Arbeitsalltag nicht wegdiskutieren.
Ich bin der Meinung, dass keine Führungskraft jemals irgendeinen Stil kopieren sollte, wenn er oder sie diesen Stil dann definitiv nicht lebt.

In meiner Position ist es manchmal wichtig, laut zu werden, sich durchzusetzen, auch mal auf den Tisch zu hauen und wenn es nötig ist, auch klar zu machen, dass die letzte Entscheidung bei mir liegt, da ich am Ende auch das Risiko trage und daher zu 100% dahinterstehen muss. Das gelingt mir mal besser und mal weniger gut.
Ich persönlich fühle mich wohl, wenn ich merke, dass meine Kollegen meine Meinung am Ende teilen, weil wir gemeinsam an der Lösung gearbeitet haben.
„Spielregeln“ in dem Sinne gibt es daher nicht. Eine Gründerin sollte nie das Gefühl haben, Chef „spielen“ zu müssen. Sie hat schon was Tolles geleistet, indem sie gegründet hat und versucht, nun mit einem Team ein Projekt auf die Beine zu stellen. Sie sollte dabei kritikfähig bleiben, die Meinung der Kollegen in ihre Entscheidungen einbeziehen und am Ende das Selbstbewusstsein haben, eine Entscheidung zu treffen, von der sie überzeugt ist. Auch wenn sie damit manchmal allein dasteht. War es am Ende die falsche Entscheidung, muss sie dann auch niemand anderen dafür verantwortlich machen.

Aber ich habe jetzt mehr über die Spielregeln des Leitens gesprochen. Wenn Sie mich nach den Spielregeln beim Gründen fragen, würde ich noch ergänzen, dass Frauen, wie schon erwähnt, dazu neigen, sich in der ersten Reihe und im Scheinwerferlicht nicht so wohl oder so sicher zu fühlen. Wenn man gründet, muss man seine Firma oder auch sein Produkt häufig vorstellen: Bei Banken, potentiellen neuen Mitarbeitern und Kunden.
Sollten Gründerinnen hier eine Hemmschwelle bei sich entdecken, helfen entsprechende Coachings, um diese Situationen besser meistern zu können und sich auch selbstsicherer zu präsentieren, ohne sich verstellen zu müssen.

Sie legen Wert auf ein starkes Diversity Management in Ihren Unternehmen. Welche Rolle wird die Vielfalt in Teams im Rahmen der weiteren Digitalisierung spielen?

Unsere Firmenstruktur wird zusehendes dezentraler. Wir arbeiten komplett cloudbasiert und unsere Mitarbeiter leben mittlerweile über ganz Europa verteilt. Durch die Nutzung von Videochats und weiteren Kommunikationsmedien ist dies ohne Probleme möglich. Diese Art des Arbeitens kommt dann zum Beispiel auch unseren Mitarbeiterinnen entgegen, die aus der Elternzeit zurückkommen, aber gern weiter im Homeoffice arbeiten möchten, um mehr Zeit mit ihren Kids zu haben.
Die Vielfalt innerhalb unserer Unternehmen nimmt dadurch schon automatisch zu. Bei der Auswahl der Kandidaten steht für mich aber in erster Linie die Qualifikation und die Persönlichkeit im Vordergrund.

Frauen wird oft unterstellt, dass Sie in finanziellen Fragen eher zögerlich und übervorsichtig sind. Sie expandieren erfolgreich und haben bisher keine Unterstützung durch Investoren benötigt. Gibt es Voraussetzungen, unter denen Sie zukünftig Investoren ins Boot holen würden?

Ich würde zögerlich und übervorsichtig gern umformulieren in wohl überlegt, gut durchdacht und gut geplant. Weibliche Gründerinnen neigen nicht zu Schnellschüssen, blasen ihre finanziellen Vorhersagen nicht unnötig auf und planen meist sehr langfristig. Dies ist in der Gründungsphase, bei der es viele Unbekannte gibt, sicherlich nicht förderlich, aber langfristig ein Garant für ein erfolgreiches Unternehmen.

Ich hatte mich mit unserem Unternehmen nach zwei Jahren um eine Finanzierung bemüht, diese seinerzeit aber nicht erhalten. Dies hatte aber vor allem damit zu tun, dass sich in unserer Branche die Geschäftsmodelle und die Strategien unserer Kunden so schnell verändern, dass die klassische Banken-Finanzierung bei dem Tempo nicht mithalten konnte oder wollte. Wir haben uns daher in den Folgejahren vor allem mit alternativen Finanzierungsmodellen beschäftigt, die die Fintech-Branche mit sich gebracht hat.

Bisher haben wir keine Investoren ins Boot geholt, da wir nicht wie ein klassisches Startup beim Start schon auf einen Exit hingearbeitet haben und viel Startkapital brauchten. Wir haben uns stattdessen kontinuierlich vergrößert, wobei ich auch immer eine langfristige Perspektive mit dem Unternehmen im Auge habe.
In einem Punkt hat sich unsere Strategie dort jetzt verändert. Die ninepoint consulting steht jetzt an einem Punkt, an dem in beiden Bereichen Großaufträge im globalen Maßstab anstehen. Daher steht für uns das Thema der Investorensuche nun auch an, da „langsam und stetig“ nun nicht mehr mit den Projektzeitplänen vereinbar sein wird.

Ihr Unternehmen ninepoint consulting bietet digital gestützte Marketing-Dienstleistungen an. Der MINT-Bereich ist noch immer eine Domäne der Männer. Wie können Frauen die Scheu vor Technik ablegen, um sich zukünftig nicht abhängen zu lassen?

Hier muss schon in der Schule angesetzt werden, um dort das Interesse an MINT-Themen zu wecken und Mädchen und jungen Frauen Einblick in verschiedene Berufszweige zu geben.
Das Gute ist, die Entwicklung der Tools, die in unserem Bereich genutzt werden, sind mittlerweile alle so modular aufgebaut, dass man kein Programmierer mehr sein muss, um in einem Bereich wie unserem zu arbeiten. Eine gewisse Technik-Affinität und Spaß an IT-Hardware müssen aber natürlich trotzdem vorhanden sein.

Generell stelle ich fest, dass selbst viele Hochschulabsolventen eigentlich gar nicht wissen, was sie wirklich im Leben machen wollen. Es fehlt die praktische Erfahrung. Bereits in der Schulzeit, aber auch im Studium sollten mehr Möglichkeiten eingeräumt werden, in unterschiedliche Bereiche reinzuschnuppern. Mit der entsprechenden Förderung würde man so auch den weiblichen Anteil in MINT-Bereichen schnell steigern können sowie generell Vorurteile gegenüber bestimmten Berufen oder Branchen abbauen.

Haben Sie noch ganz persönliche Tipps für Frauen, die unternehmerisch durchstarten wollen?

Lassen Sie sich helfen! Suchen Sie sich einen Unternehmensberater, den Sie sich fördern lassen können und der Sie in der ersten Phase begleitet beim Schreiben des Businessplans, der Finanzplanung, einer Startfinanzierung etc.

Wenn Sie unsicher sind wegen des eigenen Außenauftritts, lassen Sie sich einige Stunden coachen. Das pusht das Selbstbewusstsein und hilft, die eigenen Stärken besser herauszuarbeiten.
Lassen Sie sich nicht von ihrem Weg abbringen. Keiner kennt Ihr Produkt und Ihr Unternehmen so gut wie Sie. Wenn Sie der Meinung sind, eine Entscheidung ist die richtige und Gegenargumente konnten Sie nicht umstimmen, dann haben Sie keine Scheu, die Entscheidung umzusetzen. Nichts ist schlimmer, als wenn hinterher irgendwas nicht klappt und Sie sich auch noch eingestehen müssen, dass sie eigentlich anders hätten entscheiden wollen.

Vernetzen Sie sich mit anderen Unternehmerinnen, zum Beispiel beim Verband der deutschen Unternehmerinnen. Dort erhält man Hilfe, wenn man mal nicht weiterweiß, denn auch als Unternehmerin kann man nicht immer alles wissen. Außerdem finden hier regelmäßige Treffen und Workshops zu frauen- und Unternehmerinnen-spezifischen Themen statt, bei denen man sich weiterbilden und austauschen kann.

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